15.01.2017

Eine empirische Studie zum Fiktion-Reader

Nachdem der neu entwickelte Reader des Fiktion-Projektes über längere Zeit erfolgreich zur Präsentation verschiedener Werke auf den Webseiten des Projektes genutzt wurde, startete im Frühjahr 2016 eine experimentelle Studie, die den Reader genauer in den Blick nahm.

Die Studie

In einem studentischen Forschungsprojekt im Rahmen des Bachelorstudienganges Psychologie an der Freien Universität Berlin führte eine Gruppe von Studierenden eine kleine empirische Studie durch, in der der Fiktion-Reader mit einem anderen elektronischen Reader verglichen wurde. Die Studierenden gingen in ihrer Studie zwei Fragen nach:

(1) Hat die Präsentationsart (Präsentation in einem Standard-Reader oder mit Hilfe des Fiktion-Readers) einen messbaren Einfluss auf den Leseprozess?

(2) Eignet sich der Fiktion-Reader, wie von den Entwicklern angestrebt, besonders gut für literarische Texte?

Um diese Fragestellungen zu untersuchen, wurden insgesamt 32 Personen in die Labore des Arbeitsbereichs für Allgemeine und Neurokognitive Psychologie eingeladen. Ihre Aufgabe bestand darin, zwei unterschiedliche Texte zu lesen (entweder zwei populärwissenschaftliche Zeitschriftenartikel oder zwei Romanauszüge). Im Anschluss an jeden Text wurde zuerst ein kurzer Wissenstest, bestehend aus acht Multiple-Choice-Fragen, präsentiert. Damit sollte geprüft werden, wie viele Informationen aus dem Text erinnert werden. Anschließend beurteilten die Teilnehmer anhand verschiedener Fragen ihr Leseerleben. Sie wurden gefragt, wie stark – ihrer Meinung nach – ihre Aufmerksamkeit beim Lesen auf den Text gerichtet war, wie viel Vergnügen sie beim Lesen des Textes empfunden hatten und wie leicht es ihnen gefallen war, den Inhalt des Textes zu verstehen.

Um den möglichen Einfluss der Präsentationsart zu testen, lasen die Teilnehmer jeweils einen Text mithilfe eines Standard-Readers und den anderen mithilfe des Fiktion-Readers. Im Standard-Reader wurden die Texte seitenweise präsentiert, das Umblättern erfolgte mithilfe eines Tastendrucks. Dies war beim Fiktion-Reader nicht notwendig, da hier der Text fortschreitend von unten nach oben scrollend eingeblendet wird, wobei die Geschwindigkeit der Textbewegung an die eigene Lesegeschwindigkeit angepasst werden kann. Die Teilnehmer hatten vor jedem Text die Möglichkeit, den jeweiligen Reader mithilfe einer kurzen Fabel kennenzulernen. Diese Eingewöhnungsphase betrug dabei jeweils nur ca. 3 bis 4 Minuten.

Damit die Studierenden auch die zweite Frage beantworten konnten, wählten sie Texte aus unterschiedlichen Kategorien aus. Von den 32 Teilnehmern lasen 16 jeweils zwei populärwissenschaftliche Artikel. Die verbleibenden 16 lasen zwei Auszüge aus dem Roman „Der Pferdeflüsterer“ von Nicholas Evans. Diese beiden Auszüge waren so gewählt, dass sie als unabhängige Textstücke verstanden werden konnten, da sie von jeweils anderen Personen, Orten und Handlungen erzählen. Alle Texte hatten eine Länge von ca. 1200 Wörtern, so dass sie im Standard-Reader auf 3 bis 4 Seiten präsentiert werden konnten. Für das Lesen eines Textes benötigten die Teilnehmer je nach Lesegeschwindigkeit 5 bis 8 Minuten.

Die Ergebnisse

Die Analyse der Gedächtnistests zeigte, dass sich die Teilnehmer insgesamt genauso gut an Einzelheiten aus den populärwissenschaftlichen Artikeln erinnern konnten wie an Einzelheiten aus den Romanauszügen. Schaut man sich die Mittelwerte in der ersten Abbildung genauer an, fällt auf, dass die Erinnerung nach dem Lesen mit dem Standard-Reader besser war als nach dem Lesen mit dem Fiktion-Reader. Dieser Unterschied fällt besonders bei den populärwissenschaftlichen Artikeln auf. Bei den Romanauszügen ist er nur sehr gering ausgeprägt. Die statistische Analyse der Daten mithilfe einer ANOVA zeigte, dass der Unterschied zwischen den beiden Lesebedingungen unabhängig von der Textart marginal signifikant ist. Die Unterschiede müssen somit als ein Trend interpretiert und können nicht als substanziell bezeichnet werden. Überprüft man den Einfluss der Präsentationsart getrennt für die populärwissenschaftlichen Artikel und die Romanauszüge, erhält man kein signifikantes Ergebnis. Die in der Graphik sichtbaren Unterschiede sind damit eher zufällige Variationen. Allerdings sollte man beachten, dass für diese spezifischen Analysen jeweils nur Daten von 16 Teilnehmern zur Verfügung standen.

Bild2

Die Analyse der Fragebogendaten zeigt ein ähnliches Bild. In Abbildung 2 sind die Ergebnisse der Selbsteinschätzungen für den Bereich Aufmerksamkeit, Verstehen und Vergnügen dargestellt. Zu allen drei Bereichen sollten Fragen mithilfe einer Skala von 1 (gering ausgeprägt) bis 6 (stark ausgeprägt) beantwortet werden. Aufmerksamkeit, Verstehen und Vergnügen wurden für die populärwissenschaftlichen Artikel insgesamt höher eingeschätzt als für die Romanauszüge. Außerdem wird deutlich, dass die einzelnen Bewertungen für das Lesen mit dem Standard-Reader positiver ausfielen als für das Lesen mit dem Fiktion-Reader. Eine Abweichung zugunsten des Standard-Readers ist vor allem bei den populärwissenschaftlichen Artikeln zu sehen. Bei den Romanauszügen fällt die Abweichung zwischen den beiden Präsentationsarten deutlich kleiner aus.

BIld1

Die statistische Auswertung der Daten zeigt, dass der Unterschied zwischen den Textarten in allen drei Bereichen signifikant ist. Bei populärwissenschaftlichen Artikeln berichteten die Teilnehmer überzufällig häufig eine höhere Aufmerksamkeit, ein besseres Verstehen und ein stärkeres Vergnügen. Testet man die Unterschiede für die Präsentationsart getrennt für die populärwissenschaftlichen Artikel und die Romanauszüge, zeigt sich ein weniger klares Bild. Die Unterschiede für die Bereiche Aufmerksamkeit und Verstehen sind bei keiner Textart signifikant und damit nicht bedeutsam. Der Unterschied für die Beurteilungen des Vergnügens ist hingegen für beide Textarten signifikant. Sowohl beim Lesen der populärwissenschaftlichen Artikel als auch beim Lesen der Romanauszüge berichteten die Teilnehmer ein stärkeres Vergnügen, wenn sie die Texte im Standard-Reader gelesen haben.

Schlussfolgerungen

Welche Schlussfolgerungen konnten die Studierenden aus diesen Ergebnissen in Bezug auf die eingangs genannten Fragen ziehen?

Die Ergebnisse der Gedächtnistests und die Selbstauskünfte der Teilnehmer zum Leseprozess zeigen, dass das Leseerleben durchaus von der Art der Präsentation beeinflusst wird. Vor allem bei populärwissenschaftlichen Artikeln zeigte sich ein Vorteil des Standard-Readers gegenüber dem Fiktion-Reader. Die Teilnehmer konnten tendenziell mehr Fakten erinnern und empfanden vor allem ein höheres Vergnügen, wenn sie die Texte im Standard-Reader lasen. Daraus sollte man aber nicht den Schluss ziehen, dass der Fiktion-Reader weniger gut geeignet ist. Die Unterschiede zwischen den beiden Lesebedingungen lassen sich genauso gut durch die Vertrautheit mit dem Standard-Reader bzw. die fehlende Praxis mit dem Fiktion-Reader erklären. Künftige Studien sollten deshalb eine längere Trainingsphase einplanen, um den Teilnehmern die Möglichkeit zu geben, den Fiktion-Reader besser kennenzulernen und sich einem adaptiven Gleichstand zwischen den beiden Lesearten anzunähern. Auffällig ist, dass die Unterschiede in den Lesebedingungen beim Lesen der Romanauszüge deutlich geringer ausgeprägt waren. Die Autoren des Fiktion-Readers haben diesen explizit für das Lesen längerer literarischer Texte entwickelt. Die Tatsache, dass in dieser Studie die scheinbaren Nachteile des Fiktion-Readers beim Lesen kurzer literarischer Texte deutlich geringer ausfallen, kann als erstes Indiz für die Richtigkeit ihrer Annahme, dass neue Leseformate das Ausrichten der Aufmerksamkeit auf den Text verbessern können, gesehen werden. Ob sich beim längeren Lesen von literarischen Texten Vorteile für den Fiktion-Reader in Form von größerem Lesevergnügen verbunden mit stärkeren immersiven Erlebnissen ergeben, wird sich erst in künftigen Studien zeigen.